Ausbildung oder Studium? - Abschlussrede von Lennard Hirsch

Anlässlich der GAV-Abschlussfeier im vergangenen Januar sprach Lennard Hirsch, Absolvent und frischgebackener Schifffahrtskaufmann, über seine drei Jahre in der Ausbildung, und wie er sich gefühlt hat als Azubi inmitten seines Freundeskreises, in dem viele nach dem Abitur direkt ein Studium begonnen hatten.
Ausbildung oder Studium - hört Euch an, was Lennard Hirsch dazu meint!


Hallo, mein Name ist Lennard Hirsch.

Ich bin ehemaliger Schifffahrtsazubi. Bevor ich mit meiner Rede anfange, möchte ich mich noch bei meinem Klassenlehrer Herrn Hülls bedanken. Nicht nur hat er es zweieinhalb Jahre mit mir ausgehalten, was bei Gott nicht einfach war, auch hat er es irgendwie geschafft, mich durch die Abschlussprüfung zu bringen und dafür haben Sie meinen vollen Respekt verdient.

Ich wohne hier in Bremen in einer WG mit zwei Studenten: Martin studiert Politikwissenschaft und Tim BWL.

GAV GebäudeWir wohnen jetzt seit gut zwei Jahren zusammen und ich muss sagen, ein Event ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Eines Abends habe ich für eine Klausur Schiffstypen gelernt. Das war noch ziemlich am Anfang meiner Ausbildung. Martin hat gerade im Nebenzimmer ebenfalls für seine Uni-Klausuren gelernt und in seiner Lernpause kam er kurz in mein Zimmer, um ein bisschen zu schnacken.
Dann hat er sich einen von meinen Lernzetteln geschnappt, las ihn sich durch und sagte zu mir: „ Jo, was du hier alles lernst könnte ich auch in einer Stunde auf Wikipedia nachlesen.“ Natürlich war seine Aussage falsch, sonst hätte ich an dem Abend eindeutig nicht mehr so lange lernen müssen. Noch dazu wird jeder von euch, der für seine Abschlussprüfungen gelernt hat, bezeugen, dass da eine Stunde Wikipedia leider doch nicht ganz ausreicht.

Trotzdem haben seine Worte einen wunden Punkt bei mir getroffen und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich seine Aussage nicht noch lange beschäftigt hätte. Dies tat sie aus dem Grund, dass ich mir auf einmal die Frage nach dem Sinn gestellt habe.
Was ist denn überhaupt noch der Sinn einer Ausbildung gegenüber einem Studium, in einer Zeit in der quasi jeder studieren kann. Wieso gehe ich jeden Tag ins Büro , wenn ich auch einfach Lehramt studieren könnte mit zwei bis drei Vorlesungen pro Woche. Oder zusammengefasst: Welchen Sinn hat ein Ausbildung überhaupt noch?

Die Frage hat sich bei mir so tief eingebrannt, dass ich auf den ersten WG-Partys, wenn ein Kommilitone von meinen Mitbewohnern gefragt hat, was ich denn so machen würde, das Gefühl bekommen hatte, mich dafür rechtfertigen zu müssen, Azubi zu sein.

Lennard Hirsch
Lennard Hirsch bei der Abschlussfeier der BS GAV

Dass ich nicht der einzige bin, der sich diese Frage stellt, beweisen die Zahlen. Die Ausbildung wird in Deutschland immer unbeliebter. Es reicht, einen Begriff wie „sinkende Azubizahlen“ auf Google einzugeben und man wird auf unzählige Artikel stoßen, die beklagen, dass Betriebe keinen geeigneten Nachwuchs mehr finden. Einen starken Anteil daran mag haben, dass immer mehr junge Leute sich für ein Studium entscheiden. Wo 2007 noch zwei Millionen Studenten und Studentinnen an Universtäten und Hochschulen eingeschrieben waren, sind es 2019 drei Millionen gewesen.
Der Trend der schrumpfenden Azubizahlen betrifft auch nicht nur mehr die handwerklichen Ausbildungen, sondern auch immer mehr die kaufmännischen Ausbildungen. Selbst wir in der Schifffahrt bemerken diesen Trend. Klassen werden nicht mehr voll und Betriebe, die sich früher unter hunderten Bewerbungen ihre Wunschkandidaten herauspicken konnten, sind heute glücklich darüber, überhaupt ihre Stellen zu besetzen.

Also mag meine Frage wohl doch sehr berechtigt sein, aber ich bin heute nicht hier, um die Ausbildung schlecht zu reden. Das hier wird keine Grabrede, ganz im Gegenteil: Vor allem ich, der so viel gezweifelt hat, will euch meine Antwort auf die Frage geben, wieso ich stolz bin heute hier zu stehen und wieso ihre alle stolz sein könnt, heute hier zu sitzen und eure Ausbildung absolviert zu haben.

Schifffahrt

Natürlich kommen einem die offensichtlichen Gründe für eine Ausbildung schnell in den Sinn. Man hat gute Chancen auf einen sicheren Job. Das ist heute, in Zeiten, in denen Existenzsangst für Millenials und die Generation Z schon fast zur Volkskrankheit verkommen ist, wahrscheinlich wichtiger als jemals zuvor. Wenn man einigermaßen engagiert ist, vor allem in Zeiten der Azubiknappheit, und nicht nur am Handy hängt, sind die Chancen einer Übernahme sehr gut.
Außerdem ist eine Ausbildung für viele, die zum Beispiel mit der Freizügigkeit eines Studiums nicht zurechtgekommen sind, eine zweite Chance oder allgemein für jeden, der sich nach einer festen Struktur sehnt, geeignet. Abgesehen davon, bietet eine Ausbildung natürlich ein festes Gehalt, was vor allem jungen Menschen aus sozial schwächeren Familien eine Chance auf ein selbstbestimmteres Leben ermöglicht.

Aber das alles sind Gründe, die mir und euch wahrscheinlich auch schon längst bewusst waren und mir keine befriedigende Antwort auf meine Fragen nach dem Sinn einer Ausbildung geben.

Bis ich meine Antwort auf die Frage gefunden habe, hat es fast zwei Jahre gedauert. Man könnte sagen, es ist mir sogar erst bewusst geworden, als ich diese Rede geschrieben habe.

Warum ich stolz bin eine Ausbildung gemacht zu haben, ist, dass ich Teil etwas Größeren geworden bin. Ich habe nicht einfach nur ein System von außen betrachtet. Ich wurde Teil des Systems. Die Arbeit, die praktische Erfahrung, die ich jeden Tag sammeln konnte, hat mir gezeigt, dass mein Handeln wirklich etwas bewegt hat. Ich wurde zu einem Zahnrad in einer viel größeren Maschinerie, die aber durch mein Handeln aktiv beeinflusst wurde.
Statt mich nur mit Theorie zu beschäftigen, habe ich so viele Dinge erlebt, die viele niemals zu Gesicht bekommen würden. Ich war in Terminals und Hafenlangen, ich durfte auf die größten Containerschiffe der Welt und habe so viele Sachen miterlebt, von denen ich davor nicht mal wusste, dass sie existieren. Ich habe Verantwortung bekommen, die ich mir in diesem Ausmaß niemals alleine zugetraut hätte. Ich habe Kollegen und Kolleginnen, Mitschüler und Mitschülerinnen sowie Azubis kennengelernt, von denen ich mit Sicherheit behaupten kann, dass sie zu guten Freunden geworden sind.

Ich habe nicht nur über die Schifffahrt gelernt, ich war mittendrin.

Der wahre Vorteil einer Ausbildung, das was eine Ausbildung so erstrebenswert und wichtig macht, findet man nicht in abstrakten Zahlen oder Statistiken wieder und lässt sich vielleicht auch nicht gut in Worte fassen, sondern vielleicht muss man es einfach erlebt haben.

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Auf in die Häfen der Welt - ganz konkret im Rahmen einer Schifffahrts-Ausbildung

Jeder von euch kann mit gutem Gewissen behaupten, dass die Erfahrungen, die ihr in eurer Ausbildung gemacht habt, egal welche Ausbildung es war, kein anderer jemals so haben wird und vor allem kann sie euch niemand wieder nehmen.

Um meine ursprüngliche Frage final zu beantworten, habe ich ein Zitat vom römischen Kaiser und Philosophen Mark Aurell: Denk lieber an das, was du hast, als an das was dir fehlt. Such von den Dingen, die du hast, die besten aus und bedenke dann, wie eifrig du nach ihnen gesucht haben würdest, wenn du sie nicht hättest.

Das Zitat bestätigt, was ich ursprünglich hätte tun sollen: Ich hätte mir die Frage nach dem Sinn der Ausbildung nicht stellen müssen, ich hätte mich vor niemanden rechtfertigen müssen, ich hätte selbstbewusst und stolz auf das sein sollen , genauso wie ich es heute bin und ich hoffe, dass es jedem von euch genauso geht, denn unsere Zukunft sieht nicht nur gut aus, sie sieht fantastisch aus.